Diagnose Sklerose

 

Überlegungen zur Nachwuchsgewinnung
bei gemeinnützigen Vereinen

 

Der gemeinnützige Sektor ist beunruhigt.  Viele in ihm Verantwortliche sind von Ratlosigkeit befallen.  Das gilt ebenso für soziale Einrichtungen wie für Kulturorganisationen, Heimatvereine, Schulfördervereine, Sportvereine, die freiwillige Feuerwehr oder Kaninchenzüchterverbände.  Es werde immer schwieriger, hört man zunehmend klagen, Freiwillige für gemeinwohlorientierte Tätigkeiten, erst recht zur Besetzung von Ehrenämtern zu gewinnen.  Was besonders für junge Menschen gelte. Sie seien zu sehr mit sich selbst beschäftigt, hielten sich mit ihren Anstrengungen für Karriere und Selbstverwirklichung für reichlich ausgelastet und interessierten sich nicht mehr für das Gemeinwohl oder den Dienst am Nächsten. 

Dem widersprechen alle einschlägigen Untersuchungen, die mir in den letzten Jahren auf den Tisch gekommen sind.  Für eine Präsentation zum Thema habe ein paar Schaubilder und Tabellen aus neuerer Zeit zusammengestellt, die zu einer differenzierten Betrachtung herausfordern.  Aus ihnen geht hervor, dass junge Menschen heute wie früher bereit sind, sich für das gemeine Wohl zu engagieren.  Es entspricht ihrem Naturell, über ihre unmittelbare Aura hinauswachsen zu wollen, also auch gemeinwohlbezogenen Belangen oder dem Los weniger angenehm Lebender gegenüber sensibel zu sein und den Wunsch zu empfinden, an geeigneter Stelle etwas zum Besseren zu bewegen.  Anders ist heute, zu welchem Engagement sie bereit sind – und wie.  Sie sind, beispielsweise, nicht mehr daran interessiert, in einen Verein einzutreten und lebenslang dort aktiv zu sein, nur weil ihre Väter und Großväter dies so gehalten hatten.  Ehrenämter um ihrer selbst willen zu besetzen, um nach Jahrzehnten mit einer golden Ehrennadel des Vereins verabschiedet zu werden, sind nicht mehr ihr Ding. Sie sind eher für zeitlich begrenzte Engagements mit konkreten Zielen als für unbefristete Mitwirkung in Traditionsvereinen zu gewinnen.  Auch Aufgaben, mit denen sie sich karriererelevante Kompetenzen oder Qualifikationen erwerben können, finden sie interessant.  Fühlen sie sich mit ihrer Aufgabe in einer Organisation wohl, bleiben sie nicht selten auch nach Beendigung ihres zugesagten Beteiligung dabei. 

Unter den weiteren Gründen, die langfristige gemeinwohlfördernde Engagements heute erschweren, verdienen hervorgehoben zu werden:

Unter den weiteren Gründen, die langfristige gemeinwohlfördernde Engagements heute erschweren, verdienen hervorgehoben zu werden:

  • die gewachsenen zeitlichen und inhaltlichen Anforderungen an Schülerinnen und Schüler, vor allem, aber beileibe nicht nur, bei Ganztagsschulen, wo der Nachmittagsunterricht zusammen mit der, ja nicht geringer gewordenen, Hausaufgabenlast die verfügbare Freizeit der jungen Menschen gegenüber früher deutlich reduziert hat,
  • die in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommene, zumeist beruflich bedingte Mobilität gerade junger Menschen, die nach dem Schulabschluss immer seltener an ihrem Heimatort bleiben oder nach der Ausbildung dorthin zurückkehren;
  • die gestiegene zeitliche Inanspruchnahme Berufstätiger, die viele schon in ihrem Bemühen überfordert, Beruf und Familie zeitlich gleichermaßen gerecht zu werden, so dass an freiwillige Engagements fürs Gemeinwohl erst recht nicht zu denken ist. 

 

 

Welche Ansätze zur Abhilfe bieten sich an?

 

1.  Vorab 

Steuerliche Anreize, auf die die politische Kaste in ihrer Phantasiearmut zuerst und nicht selten sogar ausschliesslich kommt, tun's nicht.  Ich empfinde es immer mehr als beleidigend, wenn Politik mich mit Steuererleichterungen oder Subventionen zui einem bestimmten staatsbürgerschaftlichen Tun oder Unterlassen bewegen will. 

Mein Gott, Ihr Politiker, strengt Euch doch mal an!  Lasst Euch für unsere Steuergelder, mit denen wir Euch alimentieren, endlich mal was Bewegendes (im Wortsinn!) einfallen!  

Aber bitte nicht noch eine Ehrenamtsehrungsveranstaltung!  Damit sind wir bereits überreichlich gesegnet, vor allem mit solchen, die eher eine Selbstbeweihräucherung der Ehrenden als eine ehrliche Würdigung der zu Ehrenden sind.  

 

2.  Auf der politischen Ebene

Das freiwillige Engagement für das gemeine Wohl muss auf allen Ebenen politischen und staatlichen Wirkens, gesellschaftlichen Zusammenlebens und wirtschaftlichen Handelns als Haltung verankert und fortlaufend gepflegt werden. 

Nächstenhilfe oder Dienst an der Allgemeinheit, wo dies benötigt wird, muss der Normalfall, nicht die zu Elogen verpflichtende Ausnahme, sein.  Diese Haltung zu leben, muss zum Alltag jedes gesunden Menschen und jeder gemeinwohlverpflichteten Körperschaft gehören.  Wie es bei der Mehrheit der Menschen in unserem Lande ja auch der Fall ist.  Ohne Zweifel gehören die angemessene Würdigung solcher Haltung und die beispielgebende Heraushebung besonders vorbildlichen Wirkens in jedem gesunden Gemeinwesen zum alltäglichen Miteinander.  Nur: Eine solche, als selbstverständlich geltende Haltung zur rühmlichen Ausnahme zu machen, verunsichert Hilfsbereite und führt bald weg von der Hilfsbereitschaft und hin zum Anspruchsdenken.

 

 3.  An der Basis

  • Stellen Sie Ihre Traditionen auf dem Prüfstand.  Prüfen Sie kritisch, auch selbstkritisch, wofür Sie und Ihre Organisation stehen, was Ihre Grundwerte sind, und was Sie erreichen wollen.  Überdenken Sie Ihre tradierten Mitwirkungsformen.  Welche Traditionen, welche Rituale tragen sie, welche sind nur schmückendes Beiwerk?  Worauf können Sie verzichten, wenn es gilt, junge Menschen für Ihre Werte und Ziele zu gewinnen und damit die Organisation überlebens- und zukunftsfähig zu machen, die ja gerade um dieser Werte und Ziele willen existiert? 

 

  • Stellen Sie Ihre Traditionen auf dem Prüfstand.  Prüfen Sie kritisch, auch selbstkritisch, wofür Sie und Ihre Organisation stehen, was Ihre Grundwerte sind, und was Sie erreichen wollen.  Überdenken Sie Ihre tradierten Mitwirkungsformen.  Welche Traditionen, welche Rituale tragen sie, welche sind nur schmückendes Beiwerk?  Worauf können Sie verzichten, wenn es gilt, junge Menschen für Ihre Werte und Ziele zu gewinnen und damit die Organisation überlebens- und zukunftsfähig zu machen, die ja gerade um dieser Werte und Ziele willen existiert? 
  • Binden Sie bei der Diskussion Jüngere mit ein.Hören Sie ihnen auch zu! O-Töne sind immer besser als die aus zweiter Hand.Und bedenken Sie:Mit "Das haben doch immer so gemacht!" oder "Das haben wir noch nie so gemacht!"
  • Gehen Sie gezielt auf jüngere Menschen zu.  Erschrecken Sie sie nicht gleich mit einem Vorstandsposten.  Nicht die Ehrenamtsfron sei das Ziel ihrer Mitwirkung, sondern die Möglichkeit, gemeinsam etwas aufzubauen, ein Projekt, das ihnen etwas bedeutet, zu verwirklichen.  Bieten Sie zeitlich begrenzte Aufgaben mit Bezug zu den individuellen Interessen der Angesprochenen.  Bieten Sie ihnen eine, wenn auch nur befristete, Heimstatt, in der sie sich wiederfinden, geborgen fühlen und etwas bewegen können.  Stichworte, z. B. (wo's passt):
    • Geselligkeit
    • Verantwortung übernehmen
    • Integration
    • Sozialer Aufstieg
    • Ansehen
  • Öffnen Sie sich neuen, noch nicht verbrauchten Zielgruppen.  Haben Sie schon mal probiert, Menschen aus bildungsfernen Schichten für Ihre Arbeit zu gewinnen?  Oder Arbeitslose gezielt angesprochen?  Oder Flüchtlinge aus Kriegsgebieten?  Oder Meinungsführer aus ansonsten eher zurückhaltenden Migrantenmilieus – zum Beispiel Vorstände ihrer Vereine oder erfolgreiche Unternehmer aus ihren Kreisen? 

À propos Flüchtlinge:Haben Sie die Möglichkeit, aktuelle Themen ehrlich in ihre Arbeit zu integrieren?Oder eben Menschen, die damit zu tun haben?Neben "Integration" und "Willkommenskultur" stehen derzeit beispielsweise auch "Integration" und "Inklusion" hoch im Kurs.

  • Verjüngen Sie mittelfristig und gezielt Ihren Bestand an Ehrenamtlichen.  Gehen Sie ein auf die Gewohnheiten und Wünsche der jüngeren Interessierten; werben Sie um sie, um ihr Engagement und ihre Kompetenz, nicht platt oder liebedienerisch, bleiben Sie glaubwürdig.  Stellen Sie abermals die Möglichkeit, sich in Ihrer Organisation, bei Ihren Zielen oder Aufgaben individuell zu verwirklichen, in den Vordergrund. 

 

 

4.  Statistiken

 

Die folgenden Studien bieten interessante Erkenntnisse zu unserem Thema: 

 

  • Eckhard Priller et al.  - 
    Dritte Sektor-Organisationen heute:
    Eigene Ansprüche und ökonomische Herausforderungen.
    Ergebnisse einer Organisationsbefragung.
    Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Juli 2012.

 

  • Mathias Albert et al.  - 
    Jugend 2010.
    16. Shell Jugendstudie.
    Hamburg 2010.

 

  • Sinus-Institut Berlin  - 
    Wie ticken Jugendliche?
    Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland.
    Berlin 2012.

 

  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend  - 
    Monitor Engagement.
    Ausgabe Nr. 2
    Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 – 2004 – 2009.
    Kurzbericht des 3. Freiwilligensurveys.
    Berlin 2010.

 

 

 

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